Referate von Anton Kaiser (Archivnr.: VRN-3.009)

Referat Nr. 3.009.03 Gebietsänderung und Verwaltungsreform

-beim letzten Schnadegang 1974-

 

 

Gebietsänderung und Verwaltungsreform

 

Heute, beim letzten Schnadegang entlang der gemeindeeigenen Grenzen der Gemeinde Niedereimer, der im Schatten der Gebietsänderung und der Verwaltungsreform steht, sei mir in Stichworten ein Rückblick und ein Ausblick gestattet.

Ein Rückblick in die Vergangenheit zeigt, dass uns die Gebietsänderung in die Grenzen zurückführt, die schon einmal vor fast 1000 Jahren bestanden haben. Die Unterlagen, die uns Auskunft über die Entstehung der Gemeindegrenzen geben, sind sehr dürftig.

Im Alten Sachsenlande entstanden zunächst einzelne Ansiedlungen, die über Sippen und Familienverbände erweitert wurden. Aus den Sippen entstanden die Hundertschaften, die Gaue der Volksstämme. Das alte Sachsenland war nicht dicht bevölkert. Die Feld-, Wald-, Wiesengrundstücke und Gewässer, die zwischen den einzelnen Siedlungen lagen und herrenlos waren, wurden als Markt bezeichnet. Diese Marken waren Gemeinschaftseigentum und wurden auch gemeinsam genutzt Allmende - .Die Bevölkerung hat schon zu dieser Zeit gewusst, wo ihr Einflussgebiet lag, wo sie Jagd, Fischerei und die Waldnutung ausüben konnte, ohne den Nachbarn ins Gehege zu kommen. Sie haben ihre Grenzen in den Großmarken schon gekannt. Die Ansiedlungen lagen in den Niederungen, da, wo kleine Wasserläufe in größere Flüsse mündeten Meschede, Henne; Niedereimer, Wanne; Hüsten, Röhr; Neheim, Möhne, u.a.m. Die Rodungen im Schwemmland im Alluvium der Flusstäler war leichter als an den baumbestandenen Hängen. In Niedereimer ist hierfür der Beweis noch vor einigen Wochen erbracht worden. Bei der Verlegung der Kanalrohre in der Schützenstraße fand man in 3-4 Meter tiefen Kanalgräben noch Schwemmsand. Die Rohre erhielten Betonfundamente. Die weitere Entwicklung ging in unserer Heimat sehr einfach und ohne große Reglementierung vor sich.

Durch den fränkischen Einfluss änderte sich dieser Zustand recht bald. Ab 772 betrieb Karl der Große die Unterwerfung des Sachsenlandes in das fränkische Reich. Mit der Unterwerfung ging die Christianisierung Hand in Hand. Die Annahme des Christentums machte die Bildung kirchlicher Gemeinden notwendig. Unsere Heimat gehörte zur Diözese Köln. Von dort aus wurde das Gebiet in Urpfarreien aufgeteilt. Aus der Urpfarrei Menden entstand zu Beginn des 9. Jahrhunderts die Mutterpfarrei Hüsten.

Die rechtliche Grundlage für die Kirchengründungen hatte Karl der Große schon 782 durch seine Verordnung Capitulatio de partibus Saxoniae festgelegt. Es wurde bestimmt, dass 120 Familien zwecks Gründung einer neuen Kirche einen Haupthof zur Verfügung stellen und sich verpflichten mussten, den Zehnten laufend an die Kirche abzugeben. Der Bezirk in dem die 120 Familien wohnten, wurde abgegrenzt. Damit entstand der Pfarrbezirk, das Kirchspiel.. Zum Pfarrbezirk Hüsten gehörten auch die späteren Pfarrbezirke: Arnsberg, Rumbeck, Hellefeld, Sundern, Enkhausen, Neheim, Vosswinkel und Bremen. Flächenmäßig bestand damit schon die Großgemeinde, die heute Wirklichkeit werden soll. Nach der Bildung des Pfarrbezirke Hüsten gehörten die Einwoner von Arnsberg und Niedereimer in einem Zeitraum von mehr als 300 Jahren (ca. 820 1173) zu einer Gemeinschaft, zum Kirchspiel Hüsten. Der Kirchenzehnte wurde im Laufe der Jahre Grafen- bzw. Klosterzehnte.

Zur Regelung und Absicherung ihrer Ansprüche und Rechte an die Mark gründeten die markenberechtigten Bauern die Marknegenossenschaften. Der Bevölkerungszuwachs spielte dabei eine Rolle. Über entstandene Streitigkeiten entschied der Holzrichter, bzw. der Holzgraf. Als Helfer der Holzrichter waren die Scharleute eingesetzt. Die Vorläufer der Förster - . Aus den Streitigkeiten und Rechtsansprüchen an die Großmarken sind dann später die kleineren Gemarkungen und damit die Gemeindegrenzen entstanden, die zum Teil heute noch bestehen.

Der Graf von Arnsberg stiftete 1170 das Kloster Wedinghausen. Im Jahre 1173 entstand in Arnsberg ein eigener Pfarrbezirk. Der Berbkebach bzw. der Berbkeweg und die Ruhr bildeten die neue Grenze zwischen den Kirchspielen Hüsten und Arnsberg. Vor dem Orte Niedereimer, früher E m b e r e genannt, gingen die Höfe in Obereimer in den Pfarrbezirk Arnsberg über.

Nach dem Wortlaut einer Urkunde aus dem Jahr 1207 - Westf. Urkundenbuch Nr. 54- übergibt die Äbtissin von Meschede - Kloster Galiläa zwischen Enste und Königs-münster gelegen, den Wetterhof in Arnsberg dem Kloster Wedinghausen. (Hellefelderbachtal) In dieser Urkunde sind u.a.(unter anderem) abgabepflichtige Gehöfte in Imber et Imbere genannt.

Ein Beweis dafür, dass für unseren Ort schon damals die Unterscheidung Ober- und Niedereimer bestand. Diese Urkunde ist der älteste, bis jetzt bekannte Beleg für das Bestehen der alten Bauernschaft Embere oder Imbere. Es sei denn, dass in den um das Jahr 900 angelegten Urbaren das sind Heberegister der Abtei Werden an der Ruhr abgabepflichtige Höfe aus der Bauernschaft E m b e r e für die Pfarrkirche in Hüsten verzeichnet waren. Der geführte Schriftwechsel blieb bisher ohne Erfolg.

Zu dem Namen der Gemeinde Niedereimer ist noch folgendes zu sagen: Unsere Heimatgemeinde wurde in ältester Zeit Embere oder Imbere genannt. Erst später entstand für diese Bezeichnung das neue Wort - Eimer, Kirchenbücher - . Die unterscheidenden Zusätze Ober- und Nieder wurden noch später hinzugefügt. Nieder- und Obereimer waren eine Gemeinde bzw. eine Bauernschaft. Nachforschungen haben ergeben, dass das Wort E m m a auf das indogermanische Namenwort ambh mit der Bedeutung Fluss, Wasser, Sumpf zurückzuführen ist. Weiter Hinweise für die Verbreitung dieses Wortes - die Ammer, Fluss zum Ammersee in Bayern; die Emmer, Fluss zur Weser bei Bad Pyrmont; die Emscher, Fluss im Industriegebiet (Ruhrgebiet ?). Die Stadt Emmerich am Niederrhein. Die Wüstungen Emmerke, Kreis Warburg; Emmerke Kreis Höxter.

Aus vorhergesagtem ergibt sich, dass der Ortsname Emmer, Imbere, Eimer etwas mit Feuchtigkeit und Wasser zu tun hat und von einem Stammwort abgeleitet ist, welches zu den ältesten Wortbildungen Europas gehört. Der Siedlungsname Emmer - Eimer muss keinesfalls vorgeschichtliches Alter haben. Es ist aber anzunehmen, dass er im frühen Mittelalter gebildet worden ist. Die Jahrhunderte alten Markennutzungen - Brenn- und Nutzholzeinschlag, Köhlerei, Aschenbrennerei, Viehhude, Streunutzung, usw. bestanden bis zum Jahre 1803. Als das Hzgt (Herzogtum) Westfalen an das Großherzogtum Hessen- Darmstadt überging. Der hessischen Regierung waren die Grundbegriffe des westf. Bauernstandes fremd. Hessen versuchten, den Arnsberger Wald.

Zum Staatseigentum zu machen. Mit Zähigkeit verteidigten die Beerbten ihre alten Rechte. Es kam zu Prozessen, die mit einem Vergleich endeten. Die Generalteilung der Niedereimer Mark fand 1844 ihren Abschluss. Von der gesamten Gemarkungsfläche von rd. 5000 Morgen erhielten die 5 beerbten aus Niedereimer 1250 Morgen. 22 Jahre hatte diese Auseinandersetzung gedauert. Die Umringsgrenzen der Niedereimer Mark änderten sich durch diese Teilung nicht. Die Ansprüche der Höfe von Obereimer an die Niedereimer Mark wurden im Teilungsverfahren abgelehnt. Die Bewohner der Altstadt in Arnsberg erhielten ein Huderecht für Rindvieh und das Recht für freie Beschaffung von Raff- und Leseholz.

Zu den im Jahre 1807 errichteten Schultheißenbezirk Niedereimer gehörten auch die Orte Bruchhausen, Breitenbruch, Uentrop und Wintrop.

Im Jahre 1837 bildete sich aus dem Kirchspiel H ü s t e n, Enkhausen und Voßwinkel das Amt Hüsten mit 16 Gemeinden. Sämtliche Orte des Amtes Hüsten gehörten bis dahin verwaltungsmäßig zur Bürgermeisterei Neheim. Mit der Bildung des Amtes Hüsten war eine Änderung der Gemeindegrenzen nicht verbunden.

Seit dem Jahre 1173 bestehen die zeitigen Grenzen zwischen der Stadt Arnsberg und der Gemeinde Niedereimer. Wenn diese Grenzen nun wegfallen, dürfen sie nur wegfallen, zum Wohle der neuen Gemeinschaft.

Dem Rückblick soll nun noch ein kurzer Ausblick auf die Bedeutung und die Aussichten der kleineren Ortsteile in der neuen Großgemeinde folgen. Zu diesem Thema ist in den vergangenen Jahren in den Land- und Kreistagen, in den Amts-. Und Gemeindevertretungen, im Heimatbund und an Biertischen viel geredet worden. Es bestehen in der Bevölkerung aber immer noch Unsicherheiten bzw. Unklarheiten.

Durch die Gebietsänderung und Verwaltungsreform wird tief in das Gefüge unseres Dorfes eingegriffen. Wir verlieren unsere funktionsfähige Selbstverwaltung. Neben guten Erfahrungen werden sich auch ungünstige Auswirkungen für unsere Dorfgemeinschaft ergeben. Der Rückgang der Zahl der kommunalen Mandatsträger bedeutet eine Verlust an Einflussmöglichkeiten für den Bereich der alten Ortsteile und die Erhaltung der alten Traditionen.

Es ist mit Grenzüberschreitenden Strukturplanungen zu rechnen. Alte Grenzsteine verlieren ihre Gültigkeit. Deshalb wird in der Zukunft dem oder den Mandatsträgern aus der Gemeinde Niedereimer nicht nur ein Mandat, sondern auch ein Wächteramt für unsere alte Gemeinde übertragen.

Es kann angenommen dass die Bürger sich des Wertes ihres Ortsteiles immer mehr bewusst werden, ohne die Großgemeinde abzulehnen. Die neue Ordnung schafft die Voraussetzung für eine zeitgemäße Existenz des Bürgers. Zugleich verlangt sie aber auch die Weitung des Heimatbewusstseins. Für die bestehenden Ortsvereine entsteht die große Aufgabe und Verantwortung, die alten Sitten unserer Dorfgemeinschaft weiter zu pflegen und zu erhalten. Auch die Schnadegänge sind in besonderer Weise geeignet, das Zusammengehörigkeitsgefühl zu stärken.

Zum Schluss noch einige Worte an die Mandatsträger der Städte bzw. der größeren Orte in der zukünftigen Großgemeinde. Was wir wollen und anstreben habe ich gesagt. Bitte leisten auch Sie einen tatkräftigen Beitrag für ein gutes, harmonisches Zusammenwirken in der Großgemeinde.

Die erste Möglichkeit besteht bei der Abgrenzung der neuen Stadtwahlkreise. Die Abgrenzung muss so erfolgen, dass auch aus den kleinen Gemeinden ein geeigneter Kandidat zum Stadtvertreter in der Großgemeine gewählt werden kann. Auf die Bedeutung der Reservelisten wird in diesem Zusammenhang besonders hingewiesen. Ausführlich brauche ich diesen Punkt nicht zu behandeln, da ich ja zu Fachleuten spreche.

Die zweite Möglichkeit ist bei den Etatberatungen der Großgemeinde gegeben. Ein Hinweis sei mir gestattet. Wenn der gro0e Kuchen der Großgemeinde angeschnitten und verteilt wird, muss auch hier und da ein Stück für die kleineren Ortsteile abfallen. Falls in der Zukunft Einschränkungen auf der Ausgabenseite auf uns zukommen und nicht zu vermeiden sind, müssen wir gemeinsam bereit sein, den Kuchen auch ohne Sahne zu essen. Das Wort gemeinsam habe ich unterstrichen.

Hiermit will ich schließen in der Hoffnung, dass unsere gemeinsame Arbeit ausgerichtet wird, auf eine gute Zusammenarbeit und Einigkeit in der neuen großen Stadt Arnsberg.