Geschichte Ninives



Vor hundert Jahren

Wie wir bereits in den früheren Jahren besprochen haben, hatten sich die Lebensverhältnisse unserer Vorfahren in den Jahren von 1800 - 1810 grundlegend geändert. - Hessischer Einfluss, Bauernbefreiung, Frhr. (Freiherr) vom Stein, In Preußen Edikt vom 9.Oktober 1807 in Kraft getreten zu Martini - 11. Nov. 1810.

Wir wollen heute einmal 100 Jahre zurück blenden, um zu erkennen, was von der guten alten Zeit übrig bleibt.

Ab 1860 vollzog sich eine ebenso grundlegende Veränderung wie ab 1810. Die ersten Anfänge der Industrie machten sich bemerkbar. In unserer Heimatgemeinde waren zunächst noch keine besonderen Veränderungen gegenüber der letzten Jahrzehnte zu verzeichnen. Der größte Teil unserer Heimatgemeinde ist, wie wir alle wissen, gebirgig. Diese Berge bestehen in der Hauptsache aus Grauwacke und Tonschiefer. Den Kalkstein finden wir in der näheren Umgebung bei Balve, Garbeck und Warstein. Allerdings ist auch schon der Boden im Müschederfeld - Herbreme kalkhaltig. Die Landwirtschaftliche Nutzung ist auf den kalkhaltigen Böden viel besser, als auf unseren harten, kalten, gängigen Lehmböden; die an den Hängen liegenden Ackerflächen werden leicht bei starken Regengüssen abgeschwemmt. Durch die Abschwemmung wird meistens nur der besser Boden betroffen. In unserer Gegend ist die Witterung sehr veränderlich. Als mittlere Jahreswärme wurden für Arnsberg 8°Celsius ermittelt.

Bodenbeschaffenheit

In den höher gelegenen Teilen der Gemeinde bestand der Ackerboden aus magerem, kalten Lehm von geringer Tiefe. Eine Landwirtschaftliche Nutzung konnte erst dann erfolgen, wenn die Ackerkrume soviel von Steinen frei war, dass der Pflug hindurchgeführt werden konnte. Es handelt sich um Böden, die durch Rodungen entstanden sind - D i l u v i u m, Verwitterungsböden. Im Niedereimerfeld bestand allerdings ein tiefer Lehmboden. - A l u v i u m , Schwemmboden - Vergleichsböden, Dückers Kamp in Arnsberg, Ruhrwiesen bei Voßwinkel und Echthausen. Für die Ansiedlung wurden im Altertum die Stellen bevorzugt, wo Schwemmböden vorhanden waren. In der Regel da, wo kleinere Gewässer in größere mündeten, Ndr. (Niedereimer), Hüsten, Neheim. Drainagen waren nur in wenigen Grundstücken vorhanden. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren, wegen des besseren Ertrages der Böden, im Ruhrtal am günstigsten.

Verkehrswege und Straßen

Die Wegeverhältnisse waren als ungenügend anzusehen. Bis zur Anlage der letzten Straßen lag Niedereimer schon im Bereiche des Verkehrs aus dem Ruhrtal, über die Höhen und Sauerland (Plackweg). Aus vielen Orten des Sauerlandes hat der Plackweg Zugänge. Uentrop, Oeventrop, Freienohl, Meschede, usw.. Der Anfang des Plackweges ist aber m. E. (meines Erachtens) in Niedereimer zu suchen. Anscheinend war bei Hochwasser der Weg durch das Ruhrtal nach Arnsberg, zwischen dem Burgberg (heutiger Kreuzberg) und dem Schlossberg, nicht passierbar. Somit war man auf den Plackweg angewiesen. Außerdem bestand auch noch die Wegeverbindung von Arnsberg nach Soest über den alten Soestweg durch die Niedereimer Mark. Vor hundert Jahren war das gesamte Kreisgebiet noch an keiner Stelle vom Eisenbahnverkehr berührt. Als nächste Eisenbahnstationen kamen für Niedereimer Werl und Soest infrage. Die Ruhrtalbahn wurde erst 1870 in Betrieb genommen. Der Ausbau der Staatsstraße (B7) erfolgt 1817 1806 (teils früher). Arnsberg - Breitenbruch B 229 = 1832. Die Wannestrasse Niedereimer - Breitenbruch entstand 1847. - Zwei Straßenwärter = kosten 3300 Taler -.

Bevölkerung

Vor hundert Jahren hatte der gesamte Kreis Arnsberg eine Einwohnerzahl von etwa 35.500. Der größte Teil der erwerbsfähigen Personen war in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt. Vom Handwerk ernährten sich etwa 6 %. Als Fabrikarbeiter waren etwa 5% tätig. Auf Niedereimer abgestimmt dürfte der %Satz (Prozentsatz) der Fabrikarbeiter noch niedriger gewesen sein. Außer der Hüstener Gewerkschaft waren in unserer Gegend noch keine Fabriken vorhanden.

Steuern

Es bestand ein Drei-Klassen-Steuerrecht, aber auch ein Drei-Klassen-Wahlrecht. Die Klassen- beziehungsweise Einkommensteuer betrug im Amte Hüsten durchschnittlich 25 Silbergroschen je Kopf der Bevölkerung, die Grundsteuer etwa 4 Silbergroschen je Morgen. Der Silbergroschen hatte damals einen Wert von 12 Pf. (Pfennig). 30 Silbergroschen waren ein preußischer Taler. Bei der Währungsreform nach 1871 - Einführung der Goldwährung - behielt man den preußischen Taler als Silbermünze bei. Dieser Taler hatte nach 1871 aber nur einen Wert von 3,- M. (Mark) - Entwertung - . Im Jahre 1907 wurde anstelle des Talers das 3,- M. Stück eingeführt. Den Kommunalhaushalt bestritt man in Niedereimer bis zum Jahre 1861 aus dem Gemeindevermögen. Antrittsgeld und Aufgeld, Grundstücksverkäufe.

Landwirtschaft

In der Hauptsache wurde Roggen und Hafer angebaut - Weniger Weizen - . Die Heuernte reichte knapp für den eigenen Bedarf. Der Obst- und Gemüseanbau war unerheblich. Es wurden Industrieschulen eingerichtet. Anlage von Baumschulen usw.. Auch der Kartoffelanbau war wenig bekannt. Sorten: Sieben Häuser, Rosenkartoffeln, Magnum bonum, Industrie. Es entstand viel Wildschaden - Wachen - .Keine Entschädigung.

Bewirtschaftung

Die Dreifelderwirtschaft wurde betrieben. Der Stalldünger reichte nicht aus. Nach der Markenteilung hackte man weniger Plaggen (Rasenstücke) als vorher - H a i d h ä c k e r. Es war auch wenig Stroh vorhanden. In der Regel bestand eine 5jährige Düngerverwertung mit folgender Fruchtfolge:

1. Jahr Brache zum Teil Kartoffeln
2. Jahr Roggen weniger Weizen
3. Jahr Gerste oder Mengkorn
4. Jahr Rauhfutter Klee
5. Jahr Hafer

Als Düngemittel gebrauchte man in der Hauptsache Stalldünger, aber auch schon Kalk und Guano - Vogelkot von den Küsten des großen Ozeans - enthält Phosphorsäure, Kalk, Kalik und Stickstoff.

Bodenerträge auf den Äckern je Morgen (2553 qm)

Weizen 7-8 Scheffel
Roggen 8-10 Scheffel
Gerste 9-11 Scheffel
Mengkorn 9-11 Scheffel
Hafer 9-11 Scheffel
Raps 7-8 Scheffel
Kartoffeln 40-60 Scheffel

Der Scheffel war ein Hohlmaß von 55 Litern. 12 Scheffel waren 1 Malter. - Roggen und Kartoffeln etwa 75 - 80 Pfund. -

Vor der Bauernbefreiung wurden die landwirtschaftlichen Arbeiten in Hauptsache durch das Gesinde der Höfe ausgeführt. Vor Hundert (Jahrhundertwende/ 100) gab es aber auch schon viele Tagelöhner, die zu den Arbeitgebern in keinem festen Arbeitsverhältnis standen.

Die Dienstsätze betrugen bei freier Station - Gesinde

Für einen Großknecht 70 - 80 Taler je Jahr
Für einen Knecht 40 - 60 Taler je Jahr
Für einen Unterknecht 25 - 30 Taler je Jahr
Für eine Magd 16 - 23 Taler je Jahr

In einigen Fällen wurden außerdem noch die Schuh und etwas Leinen gestellt.

Tagelohn ohne Beköstigung

Männer im Sommer - 13 stündige Arbeitszeit - 12-20 SGR (Silbergroschen)
Frauen im Sommer - 13 Std. Arbeitszeit - 10 - 15 Sgr
Männer im Winter - 11 std. Arbeitszeit - 10 - 15 Sgr
Frauen im Winter - 11 Std. Arbeitszeit - 8 - 12 Sgr.

Es wurde auch schon ein Akkord vereinbart:

Korn: Mähen, Aufbinden, Richten bis zum Aufladen 1 T 5 Sgr ( Taler/Silbergroschen) je Morgen
Sommerfrucht : - Arbeit wie vorher - 28 - 30 Sgr je Morgen
Wiesen : Mähen, Heuen und Hilfe beim Aufladen 1 T 5 Sgr.


Die vorhandenen Arbeitskräfte reichten an sich für den vorhandenen Arbeitsanfall aus. Es zeigten sich aber jetzt schon, des höheren Lohnes wegen, die ersten Abwanderungen in die Industrien. Fabriken entstanden: Padlingswerk (1839), Hüstener Gewerkschaft 1846, Walzwerk in Bruchhausen 1865, Cossack`sche Papierfabrik 1838 - Grote, Witwe Tillmann, Arendt - Chemische Fabrik Ende der 1860 Jahre, Bau der Eisenbahn erfolgte 1868 - 1870.

Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse

Weizen 67 Sgr je Scheffel
Roggen 55 Sgr. je Scheffel
Gerste 43 Sgr.je Scheffel
Hafer 23 Sgr. je Scheffel
Kartoffeln 29 Sgr. je Scheffel
Heu 29 Sgr. je Zentner
Stroh 24 Sgr. je Zentner

In den durch Missernten entstandenen Hungerjahren 1817 + 1847 kostete 1 Scheffel Roggen 6 Taler.

Viehhaltung

Die Kühe waren klein und wogen lebend etwa 350 - 450 Pfund. Im Sommer wurden die Kühe durch Weidegang und im Winter durch Stallfütterung ernährt. Über die damalige Milchleistung ist mir nichts bekannt. Eine einfache Kuh kostete 60 - 70 Taler.

Die Pferdezucht war in unserer Gegend nicht sonderlich auf der Höhe. Die Pferde gehörten größtenteils der kleinen westfälischen Rasse an. Im Sommer mussten sich die Tiere mit schlechter Weide begnügen und im Winter bestand die Ernährung auch noch aus geringwertigem Futter. Die Tiere wurden auch zu früh angestrengt. Es wurden auch schon bessere Pferde aus dem Münsterland und aus Oldenburg eingeführt.

Ein 5 - 6 jähriges Arbeitspferdkostete 150 - 180 Taler; ein stärkeres etwa 200 Taler. 20 Jahre vorher betrug der Preis der Pferde etwas mehr als die Hälfte der genannten Werte. Als Zugvieh benutzte man im allgemeinen Pferde. Nur in kleineren Betrieben fanden auch Kühe Verwendung. Der Normalpreis für eine 2-spännige Pferdearbeittag lag, einschließlich des Führers, bei 10stündiger wirklicher Arbeitszeit, zwischen 2 und 3 Talern.

Nach der Markenteilung war die Schafhaltung in unserer Gemeinde sehr zurückgegangen. Auch die Schweinehaltung ging wegen fehlender Weide in den Marken sehr zurück. Geräucherte Schinken waren und blieben im Sauerland Handelsware. Ziegen wurden nur in geringem Umfange gehalten.

Die Ertragsfähigkeit der Wiesen war sehr stark an das Austreten des Wassers aus der Ruhr und Wanne gebunden. Mit Handelsdünger konnte man noch nicht nachhelfen.

Pachtungen

Die Pachtungen von Grundstücken erstreckten sich nur auf Teile von größeren Besitzungen. - C a r t h a u s v. F ü r s t e n b e r g - Der Pachtzins war sehr hoch. Für Weiden zahlte man etwa 15 Taler je Kuh. Für Rinder etwa 10 Taler. Die Kosten der Einfriedung gingen zu Lasten des Grundeigentümers. Zur Ergänzung und Sicherung der Ernährung waren die kleinen Leute auf Pachtgrundstücke angewiesen. Nur durch den Umstand bedingt, dass die erforderliche Arbeit bei der Bewirtschaftung der Pachtungen außer Ansatz blieb, waren die Pachtzinsen überhaupt aufzubringen.

Ackerland kostete etwa 5-6 Taler Pacht je Morgen
Wiesen kosteten etwa 5 Taler Pacht je Morgen
Gärten kosteten etwa 10 Taler Pacht je Morgen

Holzungen

In den Wäldern war die Buche als hauptsächliche Holzart vorhanden. Es gab aber auch Mischbestände mit Eichen, Buchen und Nadelhölzern. Der Überschuss an Holz wurde verkohlt. Der Handel mit Holzkohle hatte für unsere Gemeinde die größte wirtschaftliche Bedeutung.

Holzpreise für ein Klafter - oder 3,5 Raummeter

Eichen:
Kloben 61 Silbergroschen je Klafter
Knüppel 41 Silbergroschen je Klafter
Reiser 7 Silbergroschen je Klafter

Buche:
Kloben 84 Silbergroschen je Klafter (1 rm = 24 Silbergroschen)
Knüppel 60 Silbergroschen je Klafter
Reiser 9 Silbergroschen je Klafter

Mischholz:
Kloben 68 Silbergroschen je Klafter
Knüppel 47 Silbergroschen je Klafter
Reiser 4 Silbergroschen je Klafter

Die Preise für Holzkohle sind mir nicht bekannt.

Hauerlöhne

Hartes Holz:
Kloben 15-17 Silbergroschen je Klafter (1Raummeter = 5 Silbergroschen)
Knüppel 12-14 Silbergroschen je Klafter

Weiches Holz:
Kloben 13-15 Silbergroschen je Klafter
Knüppel 10-12 Silbergroschen je Klafter

Nach diesen Ausführungen wird sich jeder ein Bild von der guten alten Zeit - die nie bestanden hat - machen können. Deshalb lasst uns mit Ehrfurcht unserer Vorfahren gedenken die ein viel schwereres Leben gelebt haben, als wir heute. Unsere Heimaterde können wir am besten dadurch kennen, schätzen und lieben lernen, wenn Wir diese Erde sei es als Garten oder Feld selbst bestellen und bei der Arbeit selbst die Mühe, aber auch den Erfolg, erkennen wie mit Gottes Hilfe alles wächst, reift und Früchte trägt.

Quellenangabe:

Referate von Anton Kaiser (Archivnr.: VRN-3.007.)
Referat Nr. -3.007.05 Rückblick in die gute alte Zeit