Josef Hendricks Erinnerungen erscheinen als Buch in Russland
(Donnerstag, 09.07.2009)



     Schon zum 17. Mal wird Natascha Michalkowa im kommenden September ihre Freunde in Niedereimer, die Familie Hendricks, für ein paar Wochen besuchen. Anfangs kam sie in Begleitung ihres Mannes Alexander, nach dessen Tod im Jahre 2001 meist allein. Einmal brachte sie ihre Enkelin Nastja, eine Germanistikstudentin, mit, ein andermal ihre Freundin Marina, die von der Familie Kirss eingeladen worden war. Die Hendricks flogen inzwischen siebenmal noch Moskau. Dort hat sich in der langen Zeit ein recht ansehnlicher Freundeskreis gebildet, für dessen Zusammenhalt Natascha unermüdlich sorgt.

     Eigentlich nur als Lektüre für diesen Kreis hat sie in den vergangenen Jahren in mühsamer Arbeit das kommentierte Kriegstagebuch und die Gefangenschaftserlebnisse des Josef Hendricks ins Russische übersetzt. Diese beiden Erzählungen sind dem Leser im Arnsberger Raum durch ihre Veröffentlichungen in der "Westfalenpost" bekannt. Die fertige russische Version fand im Moskauer Freundeskreis großen Anklang, so daß sich Natascha entschloß, sie in Auszügen zu veröffentlichen. Diese Auszüge erschienen in einer Broschüre, im russischen Internet, in der Moskauer Zeitschrift "Index" und als Serie in zwei Moskauer Tageszeitungen.

     Im Jahre 2008 jedoch gelang es Natascha in gemeinsamer Bemühung mit der Leitung des dem russischen Kulturministerium unterstellten Memorialmuseums deutscher Antifaschisten in Krasnogorsk unweit von Moskau, die Konrad-Adenauer-Stiftung zu bewegen, einen Zuschuß zum Druck des gesamten Werkes zu genehmigen. Seine Präsentation und eine entsprechende Feierstunde in Krasnogorsk wurde auf den 21. Mai 2009 festgelegt. Das Ehepaar Hendricks erhielt eine Einladung durch das erwähnte Kulturministerium der Russischen Föderation. Es nahm diese Einladung an, flog nach Moskau und war von seiner Ankunft auf dem Flughafen Domodjedowo am 9. Mai bis zum Abflug dortselbst am 24. Mai Zielobjekt russischer Medienreporter.

     Die Feierstunde selbst verlief nach festgelegtem Programm. Ihre Gäste waren zumeist Veteranen des "Großen Vaterländischen Krieges", wie man dort den 2. Weltkrieg nennt. Sie waren mit Orden und Ehrenzeichen geschmückt und die aufmerksamsten Zuhörer. Den Mittelpunkt der Feier bildeten die Erinnerungen des ehemaligen Lagerkommissars Juri Elperin und des ehemaligen Gefangenen des Lagers Krasnogorsk, Josef Hendricks. Elperin berichtete von seinen Bemühungen, die damaligen Verhöre, insbesondere die der im Lager untergebrachten Stalingrader Stabsoffiziere mit Generalfeldmarschall Paulus an der Spitze, menschenwürdig zu gestalten. Josef Hendricks erzählte von seinen Zielen, als Pädagoge zur Erziehung der deutschen Jugend zu friedlichem und demokratischem Verhalten beizutragen, und von seinen Erlebnissen in sieben Jahren sowjetischer Gefangenschaft. Der ständige Hunger, das nie enden wollende Gefühl des Eingeschlossenseins hinter Stacheldraht, die ewige Sehnsucht nach der Heimat und die Angst, sie nicht wiederzusehen, das alles sei heute nicht sein Thema, sagte er. Im Rahmen der Versöhnungsveranstaltungen des Museums ginge es ihm um mehr: "Daß ich heute als fast 89jähriger noch vor Ihnen stehen und sprechen kann, das verdanke ich dem lieben Gott und vielen guten sowjetischen Menschen, die auch in den Schrecknissen des Krieges ihr menschliches Antlitz nicht verloren hatten."

     Es war nur eine kleine Episode, aber sie zeigte den guten Willen der anderen Seite, daß auch sie es mit der Versöhnung ernst meinte: Mitten in der Ansprache des Josef Hendricks sprang einer der hochdekorierten Veteranen auf, ging auf den Redner zu, drückte ihm wortlos die Hand und schritt an seinen Platz zurück.

     Da beide Ansprachen simultan übersetzt werden mußten - auch der 91jährige, deutschsprachig geborene Elperin, der unter Hitler mit seiner Familie in die Sowjetunion emigriert war, sprach deutsch - dauerte dieser Teil des Festaktes länger als vorgesehen. Die Buchpräsentation kam dadurch etwas zu kurz, aber sie kam. Die geladenen Gäste und auch die zahlreichen Medienvertreter erhielten ein Freiexemplar, und vor Josef Hendricks bildete sich eine Schlange von Leuten, die ihn um eine Widmung baten, eine Schlange, die so lang war, daß der Autor vom abschließenden Festessen kaum etwas mitbekam.

     Eine Teilnehmerin aber war an diesem Tage besonders glücklich: Natascha Michalkowa. Nach mehr als fünfjähriger Arbeit hatte sie ihr Ziel endlich erreicht: die Veröffentlichung des Buches als ihren ganz besonderen Beitrag zur Versöhnung der ehemals so blutig verfeindeten Völker, der Russen und der Deutschen. Natascha ist ein echter "Pontifex", ein Brückenbauer zwischen Ost und West.

(Detlev Becker)
Foto ganz oben: S.I. Pobezhimov (Museumsleiter) - Josef Hendricks (Autor) - Juri Elperin (damaliger Lagerkommissar)