Versöhnung
zwischen
Deutschen
und
Franzosen
(April 2010)



     Was macht eine französische Familie in Deutschland - insbesondere in Niedereimer? Um diese Frage zu klären, bedarf es einer längeren und mitfühlenden Ausführung, welche gleichzeitig zur Aufarbeitung und zum besseren Verständnis der Geschehnisse im Dritten Reich zwischen 1939 und 1945 dienen soll.

     Der junge Franzose Eugène Robert Lécuyer geriet am 22. Juni 1940 als Soldat des 2. Weltkrieges in Gefangenschaft und wurde nach Deutschland deportiert. Hier leistete er, wie viele andere Gefangene auch, in den noch verbleibenden vier Kriegsjahren Arbeiten, die von wehrtüchtigen deutschen Männern nicht mehr ausgeführt werden konnten, da diese bereits zum Kriegsdienst eingezogen waren. E. R. Lècuyers ungewollte Reise nach Deutschland endete vorerst im STALAG VI A (Stammlager [für Kriegsgefangene; Soldaten einfachen Ranges]) in Hemer, auf dem heutigen Landesgartenschaugelände.

     Hier wurden die Männer in Kolonnen eingeteilt und den entsprechenden Arbeitsstätten zugeteilt. So kam E. R. Lècuyer zuerst in das Lager nach Hüsten-Ost und dann weiter nach Müschede wo er im Ruhr-Lippe-Steinbruch arbeiten musste. Später verrichtete er seine Arbeit beim Wiederaufbau der durch die Zerstörung der Möhnetalsperre zertrümmerten Gleisanlage bei Niederense. Am 13. April 1945 endete sein Martyrium in Deutschland durch den Einmarsch amerikanischer Truppen. Er kehrte als freier aber dennoch von den Kriegseinwirkungen gezeichneter Mann in sein Heimatland Frankreich zurück. Sein Kriegskamerad Jean Maurice Delorme schaffte dies leider nicht. Er verlor bei dem schweren Bombardement am 9. März 1945 in Niedereimer sein Leben.

     Die Stationen beider Männer wollte nun Familie Lècuyer nach fast 70 Jahren noch einmal nachvollziehen. So machte sich die Familie am 12. April diesen Jahres aus der Nähe von Paris auf den 700 km langen Weg nach Deutschland. Genauer gesagt zum ehemaligen STALAG VI A nach Hemer. Am 13. April besichtigte Familie Lècuyer, mit weiteren 31 Franzosen, welche das Selbe Schicksal teilen und Angehörige in Hemer hatten, vorab das Gelände des ehemaligen STALAG VI D in Dortmund, auf dem die Westfalenhallen stehen. Zum 65. Jahrestag der Befreiung des Lagers STALAG VI A HEMER am 14.04.1945 durch amerikanische Truppen fand am 14. April 2010 eine Gedenkveranstaltung am Mahnmal vor der einstigen Blücherkaserne und dem heutigen Gelände der Landesgartenschau 2010, unter dem passenden Motto "Zauber der Verwandlung" statt. Zuvor hatte die Reisegruppe, die aus allen Regionen Frankreichs kam, Gelegenheit sich die Ausstellung zum Thema "Kriegsgefangene im STALAG Hemer" in den neu gestalteten Räumen anzusehen.

     An der Veranstaltung vor dem Kasernentor nahmen neben den Franzosen, Vertreter der Stadt Hemer, Mitglieder verschiedener Gruppen und ebenfalls viele Bürger teil. Am Abend saßen die Teilnehmer der Fahrt dann noch zum Erfahrungsaustausch und besseren Kennenlernen beisammen. Großen Anteil an der Organisation, dem Aufenthalt in Deutschland sowie den Führungen und der Gedenkfeier hatten die Eheleute Règine und Karl-Heinz Hessling aus Hemer.

     Als dann die meisten der französischen Reisegruppe die Rückreise antraten, fuhr Familie Lècuyer noch ins Sauerland um hier nach den Orten zu suchen, wo die beiden Männer Eugène Robert Lècuyer und Jean Maurice Delorme eine enge Freundschaft verband.

     Mit dem Ortsheimatpfleger Detlev Becker und der Historikerin Simone Toch aus Niedereimer sowie dem Übersetzer Dieter Lanz traf sich Familie Lècuyer zuerst am einstigen Standort der Gastwirtschaft Schefferei in Niedereimer. Hier soll der Franzose J. M. Delorme nach dem Bombenangriff zuerst versorgt worden sein. Danach ging es weiter auf das ehemalige Ziegeleigelände und dem Haus Kaiser, wo am 9. März 45 im Bombenhagel 21 Menschen ihr Leben lassen mussten. Im Ort Niedereimer selbst zeigte der Ortsheimatpfleger den Gästen verschiedene Anwesen und Betriebe, wo Zwangsarbeiter und unter anderem auch Franzosen während des Krieges arbeiten mussten. Am Ehrenmal in Niedereimer legte man gemeinsam ein Gesteck zur Völkerverständigung und Versöhnung nieder. Sichtlich gerührt zeigte sich die Familie Lècuyer von dieser, den Franzosen, entgegengebrachte Geste. Anschließend stand ein Besuch des örtlichen Friedhofes auf dem Plan. Hier wurde J. M. Delorme mit den anderen Bombenopfern beigesetzt, bis er 1946 mutmaßlich nach Frankreich überführt wurde. Hierüber liegen leider keine genauen Aufzeichnungen vor.

     Der nächste Ort welcher besichtigt wurde war Hüsten-Ost. Hier befand sich in den ersten Kriegsjahren zwischen den Ruhr-Lippe- und den Deutsche Bahn-Gleisen ein Lager für Kriegsgefangene, darunter auch Franzosen. In Müschede traf man sich mit dem dortigen Ortsheimatpfleger Hubert Michel, um vor ort den ehemaligen Ruhr-Lippe-Steinbruch (heute Müllverladestation) zu besichtigen. Hier hatte E. R. Lècuyer zeitweise gearbeitet. Die Steine hier wurden für den Wiederaufbau der Möhnetalsperre und den Gleisbau der zerstörten Ruhr-Lippe-Eisenbahn benötigt. Während dieser Zeit brachte man die Franzosen, neben anderen Gefangenen, im beschlagnahmten Haus des Prokuristen Rettler in Müschede unter.

     Danach ging es weiter die Möhnestraße hinauf zur Talsperre. An diesem Straßenzug entlang verlief früher die Strecke der Ruhr-Lippe-Eisenbahn, an dessen Wiederaufbau E. R. Lècuyer beteiligt war. Abschluss der Exkursion war die Möhnetalsperre. Hier konnte sich Familie Lècuyer selbst von der beeindruckenden Größe des Bauwerkes überzeugen. Mit Fotos versuchte man die Dimensionen der Zerstörung vom 17. Mai 1943 näher zu bringen.

Bildübersicht      Hier hieß es dann auch gleichzeitig Abschiednehmen voneinander. Mit vielen neuen, emotionalen und aufschlussreichen Erkenntnissen verließ die Familie Lècuyer das Sauerland und Deutschland. Gegenseitig versprach man sich in Kontakt zu bleiben, um weiter Erfahrungen auszutauschen und Erkenntnisse weiterzugeben. Weitere gegenseitige Besuche in Deutschland oder Frankreich seien zudem nicht ausgeschlossen. So entstand eine ganz neue deutsch/französische Freundschaft auf unpolitischer Basis.

     Wer sich nicht durch alle Bilder durchklicken will, der kann sich hier oder durch Anklicken der nebenstehenden Illustration zunächst einen Überblick verschaffen und dann gezielt einzelne Bilder anklicken, die sich anschließend vergrößern.

     So und nun in Form einer Diashow zu den Bild-Impressionen.



     Viel Spaß!

(Text und Fotos: Detlev Becker)





Dia-Show von der Versöhnung zwischen Deutschen und Franzosen 2010


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