II. Weltkrieg in Niedereimer



Auf vielfachen Wunsch, nicht zuletzt der jüngeren Generation, wollen wir an dieser Stelle an die schrecklichen Folgen des 2. Weltkriegs in Niedereimer erinnern. Wir möchten die Erinnerung an die schrecklichen Zeiten des 2. Weltkriegs, der sein offizielles Ende am 08.05.1945 fand, besonders für die Generationen wachhalten, die dieses Entsetzen zum Glück nicht mitmachen mußten. Denn möge das Wachhalten dieser Erinnerungen dazu beitragen, daß derartige Greuel nie wieder geschehen. Und möge es als Mahnung dienen für all diejenigen, die Gewalt für ein probates Mittel der Konfliktlösung halten. Was bleibt ist unendliches Leid ...

Die hier publizierten Beiträge wurden der Sonderausgabe zum 50jährigen Kriegsende des Heimatblattes für Niedereimer "Der Ninivit, Heft 4" entnommen. Das Heft kann über den Vereinsring bezogen werden. Die veröffentlichten Bilder stammen aus dem Archiv des AKD. Eine kurze Legende zu den Fotos finden Sie am Ende jeder Seite.

Einen würdigen und ansprechenden Rahmen für das sensible Thema zu finden, ist nicht ganz einfach. Deshalb wurden diese Seiten betont schlicht gehalten, da deren Inhalte für sich selbst sprechen.

Die fürchterlichen Geschehnisse des 09.03.1945, haben mehrere Zeitzeugen bewogen, ihre Erlebnisse niederzuschreiben. Hier zunächst die Erinnerungen von Günter Hagedorn.


Abschied

Ein Frühlingstag im März 1945, ein Kriegstag wie jeder andere? Wir alle hatten gehofft, daß an diesem Tag nichts Außergewöhnliches auf uns zukommt. Der Vormittag verlief so wie schon seit einigen Wochen und Monaten, alles schien "normal" zu kommen.

Frühmorgens zur hl. Messe, dann nach dem Frühstück zur Schule, die behelfsmäßig in einem größeren Raum auf dem Hof Bienstein an der ehemaligen Schulstraße untergebracht war. Die Aufmerksamkeit war in diesen Tagen dem Kriegsgeschehen zugewandt, so ganz bei der Sache waren weder Schüler noch Lehrer. Auch an diesem Morgen wurde die an und für sich geforderte Aufmerksamkeit mehrmals durch Voralarm unterbrochen. Die vielgepriesene dörfliche Ruhe war auch an diesem Tage nicht vorhanden.

Einquartierung auf Biensteins Hof (01.01.1945 ?) Doch allzusehr störte dies den Ablauf des Tages nicht, denn das tägliche Kriegsgeschehen war uns zur Gewohnheit geworden. Nach Schulschluß auf dem kürzesten Wege nach Hause, zusammen mit den Schulfreunden der damaligen Oberstraße, vorbei an der Schule, die nun schon seit einigen Wochen deutschen Soldaten als Unterkunft diente und uns eine vermeintliche Sicherheit versprach. Diese Sicherheit hatte sich des öfteren als trügerisch erwiesen, denn das Verpflegungsdepot und der Fuhrpark, auf der naheliegenden Ziegelei untergebracht, lagen schon einige Zeit im Visier der feindlichen Bomber. Ziel der Angriffe war nicht nur das Arnsberger Viadukt, hier gingen seit einigen Wochen und Monaten bei jedem Fliegerangriff zahlreiche Bomben nieder, die immer näher im Zielgebiet Hammerweide und Schefferei lagen.

Das Arnsberger Viadukt hielt den massiven Angriffen lange Zeit stand. Jeden Tag bei gutem Flugwetter gab es mehrfachen Voralarm, dann auch den darauffolgenden Fliegeralarm, und das in immer kürzeren Abständen. Wir Kinder und auch die Erwachsenen waren gehalten, bei Voralarm sofort nach Hause zu eilen, bei Fliegeralarm mußte sofort der nächste Keller aufgesucht werden, der als Schutzraum ausgebaut war.

Wie schon beschrieben, verlief der Vormittag insofern kriegsmäßig normal. Nach dem Mittagessen fanden wir Kinder uns, es waren Winfried K., Inge und Hilde, die Zwillinge und Dieter K. und andere, auf der Oberstraße zum Spielen zusammen. Welche Spiele wir an diesem Tag miteinander trieben, ist mir nicht mehr in Erinnerung. Es war aber so, daß wir eine fröhliche Schar von Kindern waren, die den Krieg zwar sehr nahe erlebten, aber das tat unserem frohen Dasein wenig Abbruch, die Gefahren waren uns nicht so recht erkennbar, wir lebten in gewisser Weise auch in dieser nicht gerade friedlichen Welt recht unbekümmert, das Vorrecht eben aller Kinder. Unsere Umgebung, Straßen, Wiesen, Wald und Feld, waren unser Spielplatz, Einengungen gab es wenig; für einen möglichen Einschnitt in diese Erlebniswelt gab es für uns Kinder keine Erwägungen. Diese Unbekümmertheit spüre ich noch heute in meinem Innern, wenn ich an die Stätte dieser Kindheitstage zurückkehre. Frohsinn, Heiterkeit und alle mit der Kindheit verbundenen Freuden sind verbunden mit den Häusern der ehemaligen Schulstraße und der Oberstraße, von Stecken angefangen über Lenzen, Sonntags, Körners und Kaisers, d.h. bis zum Haus von Onkel Tönne.

Beerdigung der Bombenopfer - Grab (Teilansicht) (13.03.1945) In unsere ausgelassene Spieltätigkeit kam dann der Wunsch auf uns zu, einiges im Dorf einzukaufen. Die damaligen Möglichkeiten gab es im Laden Babilon, bei Glaremins und zuletzt in der Bäckerei Molitor bei Tante Käthe. Zuerst ins Unterdorf zu den besagten Läden, dann die Gasse hoch ins Mitteldorf zur Bäckerei Molitor. Hier kauften die Zwillinge noch ein frisches Brot, und dann sollte es zur Oberstraße zurückgehen. Jedoch auf dem Weg zur Schulstraße kam der immer wiederkehrende und bekannte Voralarm, dem folgte jedoch unmittelbar ein Fliegeralarm. Daher gab es für uns nur eine Möglichkeit, den Luftschutzkeller bei Kaisers Opa an der Schulstraße aufzusuchen, an unserem Großvater vorbei in den Keller und damit in Sicherheit.

Nach einiger Zeit, noch war nichts Außergewöhnliches passiert, d.h. Bomben waren noch nicht gefallen, wurde Entwarnung gegeben. Meine beiden Schwestern Rosi und Erika und ich blieben zu Hause im Keller; Winfried, die Zwillinge und Dieter machten sich, wie von den Eltern gewünscht, auf schnellstem Wege zur Oberstraße, dort war die Nachbarschaft schon im Luftschutzkeller bei Onkel Tönne versammelt und wartete auf die vier Kinder. Mit den eingekauften Sachen im Arm liefen sie direkt in den sicheren Keller, denn schon wieder gingen die Sirenen. Die anfliegenden Flugzeuge hatten wohl heute auch den Fuhrpark, bzw. das Lebensmitteldepot auf der Ziegelei ins Visier genommen und nicht so sehr das Arnsberger Viadukt, denn wir hörten die Bomben sehr nahe einschlagen.

Unser Haus und damit auch der Keller bebten wiederholt beträchtlich. Wir gerieten dabei in Panik. Ich selbst hatte mich in die letzte Kellerecke verkrochen, hier schlief ich auch schon mal über Nacht. Nur dieses Mal fühlten wir uns gar nicht so sicher wie sonst zuvor. In das Krachen der niedergehenden Bomben, näher oder weiter entfernt, ein Einschlag in nächster Nähe! Im Keller machte sich Panik breit. Danach entfernten sich die Einschläge.

Beerdigung J. Wommelsdorf (07.04.1940) Nachdem einige Zeit verstrichen war, wagten wir uns vor das Haus, Entwarnung war noch nicht gegeben, aber wir wollten herausfinden, wo der Einschlag in nächster Nähe niedergegangen war. Fast alle gleichzeitig stellten wir mit Entsetzen fest, daß das letzte Haus auf der Oberstraße Richtung Schefferei nicht mehr zu sehen war, ebenso das Haus am Bahnübergang an der B 7; diese beiden Häuser waren einfach weg, nichts mehr war von den Bauten zu sehen. Uns alle durchfuhr ein eisiger Schreck! Unser Großvater sagte: "Da ist mehr passiert, als wir alle annehmen!" Unsere bösen Ahnungen nahmen dann immer mehr Gestalt an, zumal aus der Nachbarschaft Einiges zu dem grausigen Geschehen zu uns herüberdrang. Wir alle waren geschockt, Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Dann, nach der Entwarnung, eilten die Erwachsenen zur Unglücksstelle, um festzustellen, daß alle unsere Vorahnungen Wirklichkeit geworden waren. Wir Kinder bekamen den deutlichen Hinweis, uns nicht vom Haus zu entfernen; dem Hinweis bin ich jedoch nicht nachgekommen, denn ich mußte und wollte sehen, was sich ereignet hatte; also lief ich los, und was ich dann sah und hörte, war einfach grausam. Einige der Opfer lagen schon mit Decken zugedeckt auf der Straße. Um wen es sich handelte, konnte ich nicht feststellen. Ich saß versteckt hinter Zaun und Hecke auf der gegenüberliegenden Wiese und konnte es nicht fassen, als dann die leblosen Körper der Spielgefährten aus den Trümmern des Hauses herausgetragen wurden. An den Schuhen konnte ich erkennen, um wen es sich bei den Kindern handelte. Dann entdeckte ich auch eines der Zwillinge, sie hielt das eben gekaufte Brot noch in ihren Armen, sie sah aus, als sei nichts geschehen, aber es war ganz anders.

Die Erklärung, daß äußerlich nichts zu sehen war, kam später. Das Haus war von einer Luftmine getroffen worden; alle, die im Keller Schutz gesucht hatten, waren durch einen Lugenriß gestorben. Nur eine einzige Überlebende gab es, unfaßbar für uns alle, für Erwachsene und Kinder.

Mit Bestürzung nahmen wir das Geschehene wahr. Ich war entsetzt und saß weiterhin hinter Hecke und Zaun verborgen. Von den erwachsenen Helfern wurde ich immer wieder unmißverständlich aufgefordert, ich solle nach Hause gehen, hier hätte ich nichts zu suchen. Ich blieb aber dort sitzen, unfähig, mich zu bewegen. Ich sah mit eigenen Augen, wie immer mehr Tote aus dem Keller geborgen wurden, ich konnte das unfaßbare Geschehen einfach nicht verstehen. Wie lange Zeit die Bergung der Toten in Anspruch nahm, kann ich nicht mehr sagen. Mehr als 20 Tote, das war für mich zuviel, ich weinte und hörte nicht mehr auf. Irgendwann fand ich mich zu Hause wieder und schaute unentwegt zur Schule hinüber, hier wurden die Toten aufgebahrt.

Beerdigung mit militärischen Ehren J. Wommelsdorf (07.04.1940) Am nächsten Tag hatte ich, obwohl dies verboten war, Gelegenheit, in die Schule hineinzugelangen, dort konnte ich von den lieben Toten Abschied nehmen, einer der dort untergebrachten Soldaten hatte mir den Zutritt zur Schule verschafft. Ich habe dann, so ist mir das heute bewußt, nicht nur Abschied von den Toten genommen, sondern auch von meiner Kindheit, von den Spielgefährten, deren Geschwistern und deren Mütter und all der anderen, die den Tod gefunden hatten. Meine Kindheit mit den vielen fröhlichen Tagen, an denen wir gemeinsam trotz des Krieges miteinander spielen und unbekümmert leben durften, war für immer dahin.

Tief in meinem Innern habe ich das nie akzeptiert; ich habe immer gehofft, daß diese lieben Menschen wiederkommen würden, aber sie blieben fort. Vor nicht ganz einem Jahr hatte ich schon einen solchen Verlust erlitten, und jetzt schon wieder, das riß große Wunden in meine junge Seele. Diese Wunden sind bis heute nicht verheilt.

Am Tage der Beerdigung, das ganze Dorf war versammelt, wurde uns das ganze Ausmaß des Krieges noch einmal vor Augen geführt. Viele neue Gräber wurden auf dem kleinen Friedhof ausgehoben und die lieben Toten dort für immer gebettet. Doch der scheinbare Frieden wurde wieder durch anfliegende Jagdbomber unterbrochen. Alle Teilnehmer mußten von den offenen Gräbern weg, um im nahen Wald Schutz zu suchen; der Krieg war noch nicht zu Ende. Trotz dieser nie zu vergessenden Mahnung und vieler folgender Kriege ist auf unserer Erde immer noch kein dauerhafter Frieden eingetreten. Ich wünsche mir Frieden, und diesen Frieden wünsche ich allen Menschen auf dieser Welt!


Es folgt - soweit uns vorliegend - eine kurze Legende zu den auf dieser Seite publizierten Fotos in der Reihenfolge ihres Auftretens von oben nach unten.

  1. Einquartierung auf Biensteins Hof (01.01.1945 ?)
  2. Beerdigung der Bombenopfer vom 09.03.1945 - Teilansicht eines der beiden Gräber (13.03.1945)
  3. Beerdigung mit militärischen Ehren J. Wommelsdorf (07.04.1940)
  4. Beerdigung mit militärischen Ehren J. Wommelsdorf (07.04.1940)



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