II. Weltkrieg in Niedereimer



Von Herrn Heiner Vernholz liegt sogar eine Tonbandaufzeichnung zu den Ereignissen jener uns so fern erscheinenden Tage vor. Doch für die Überlebenden sind sie so lebendig, als wären sie erst gestern geschehen. Eine kurze Legende zu den Fotos finden Sie am Ende der Seite. Hier nun Auszüge aus der besagten Tonbandaufnahme von Heiner Vernholz.


Ein "Jaust" erinnert sich

Ich möchte so einige Erlebnisse aus meiner Jugendzeit, insbesondere aus den letzten Kriegsmonaten erzählen, die mir noch in tiefer Erinnerung geblieben sind.

Ich war damals 14 Jahre alt und wie man sich vorstellen kann, waren wir "Jäuste" ja überall dabei. Nur verstehen konnten wir so manches noch gar nicht. ...

Ich war ... Meßdiener, als wir die Bombenopfer vom 09.03.45 beerdigten auf dem gemeinsamen Friedhof oben in der gemeinsamen Gruft. Die Beteiligung der Bevölkerung an der Beerdigung am Nachmittag war groß. Ich stand selbst als Meßdiener da in dem Lehm, und plötzlich hörten wir wieder Flugzeuge, die kamen dann über die Hebreme "gepfiffen", möchte ich mal sagen. Es waren Aufklärungsflugzeuge, aber auch "Jabo's" (Jagdbomber), die dann auch mit ihren überschweren MG's schossen. Man kann sich die Panik auf dem Friedhof vorstellen. Ein großes Geschrei und ein Laufen, nach Deckung suchend. Aber wir standen nun da. Wir hatten das Kreuz und den Weihrauch und konnten gar nicht weg, wir mußten also aushalten. Aber dieses war ein relativ kurzer Angriff, der ging dann schnell vorüber. Diese Situation wird man natürlich nie vergessen. ...

Beerdigung mit militärischen Ehren J. Wommelsdorf (07.04.1940) Eine andere Begebenheit ... Wir hatten zur damaligen Zeit zum Ende des Krieges einen jungen Pater, das war Pater Linus Kötter, als Seelsorger hier. Er war knapp über 30, ich weiß nicht mehr genau wie alt. Er konnte aber nicht zum Wehrdienst eingezogen werden, weil er aus gesundheitlichen Gründen dazu eben den Tauglichkeitsgrad nicht bekam. So war er hier bei uns unser Seelsorger. Und während nun die schweren Luftangriffe kamen, tagsüber oder auch nachts, da rechne ich es unserem Pater sehr hoch an, daß er von Haus zu Haus, ich sag das mal so ganz bewußt, hüpfte, um den Familien wenigstens eben noch den Segen und die Generalabsolution zu spenden. Wir wurden dann zusammengerufen, ruck zuck, entweder kam er in den Keller oder eben in den Flur, wir trafen uns da und er spendete uns dann die Generalabsolution. Und so ist er von Haus zu Haus gelaufen, gehüpft, und hat den Menschen so wirklich guten Beistand gebracht.

Von einem weiteren Geschehen, das für uns heute noch vielleicht sehr interessant sein könnte, möchte ich noch erzählen. Wenn wir uns in unserer Kirche umschauen, dann sehen wir am Priestersitz das freistehende Kreuz mit dem Korpus. Und links an der Wand hinter der Stele die Madonna. Diese beiden Figuren befanden sich damals während des Krieges in einem Heiligenhäuschen, bzw. das Kreuz freistehend daneben, wo die Ruhr-Lippe-Eisenbahn die B 7 überquert, und zwar nach oberhalb zur Schefferei, direkt an den Schienen. Es war sehr massiv gebaut, 50 cm Mauerwerk, glaube ich. Und neben diesem Häuschen, auch wiederum Richtung Schefferei, befand sich das freistehende Kreuz mit diesem Korpus.

Dieses Heiligenhäuschen ist verschiedentlich im Laufe der Kriegsjahre geschändet worden. Man hat die Statue der Gottesmutter dreimal mit Gewalt aus diesem Häuschen herausgebrochen bzw. die Gittertüren aufgebrochen und diese Marienfigur geschändet, indem man sie in die Ruhr geworfen hatte. Dadurch ist sie auch teilweise beschädigt worden. Man kann es heute noch sehen, wenn man vor der Figur steht: Auf der rechten Seite, das ist ihr linker Arm, sieht man, daß dort eine Reparatur nicht unbedingt fachgerecht vollzogen wurde. Da hat sie, deutlich zu sehen, so ein Pflaster oder einen Verband über dem linken Unterarm. Das rührt noch daher. ...

Nach den Luftangriffen waren natürlich das Marienheiligtum und das Kreuz sehr stark gefährdet. Unser Pater bat uns "Jäuste", sag ich jetzt einmal, doch diese Sachen zu bergen, zu retten und nach oben zu holen. Wie die meisten noch wissen, wohnten damals die Patres in dem Haus Schäfer/Lenze, Ecke Oberstraße/Schulstraße, heute Niedereimerstr./Stephanusweg, wo jetzt der Voß Jupp drin wohnt, das waren Lenzen Hubert und Tante Anni, Lenzen genannt. Die hatten den Pater dann in Logis, der hatte dort zwei Zimmer. Und der beauftragte uns, das war der Koll's Winfried und mich, wir beiden sollten doch heruntergehen, um diese Sachen zu bergen. Ob wir Angst hätten, fragte er uns. Wir hatten natürlich keine Angst, sind runter und haben dann zunächst diese Marienfigur aus dem Heiligenhäuschen geholt, einfach so in den Arm genommen und querfeldein hoch zur Straße und dann rüber zum Pater gebracht. Das war freilich eine Sache! Da waren wir auch schon ein ganz klein wenig stolz darauf, eben diesen Mut zu haben, diese Marienfigur zu bergen und dort beim Pater abzustellen.

Beerdigung mit militärischen Ehren J. Wommelsdorf (07.04.1940) Wie das mit dem Kreuz war, mit dem Korpus, das weiß ich nicht mehr so genau. Aber jedenfalls wurden beide Teile dann irgendwie gut und sicher untergebracht.

... Wir wurden damals von den Amerikanern besetzt in Niedereimer, so daß auch auf unserer Straße, auf der Oberstraße, jetzt Niedereimerstraße, Panzer von Breitenbruch herüberkamen. Unsere deutschen Soldaten wußten genau, was auf sie zukam und wollten sich natürlich auf so eine billige Art verabschieden. Sie suchten Zivilkleidung oder Blaumänner von unseren Vätern, um sich dann zu tarnen und als Zivilisten zu gelten. Aber die Amerikaner hatten dieses Treiben schon seit einigen Tagen beobachtet, denn sie lagen schon ... in unseren Wäldern und haben uns sehr genau beobachtet.

Manch einer hatte vor der Besetzung den Mund sehr voll genommen und immer wieder beteuert, die ersten 20 Panzer, die hier in der Wanne runterkommen, die schieße ich alleine ab. Aber derjenige, der so etwas sagte, der bibberte nachher an allen Knochen hinter der Kartoffelkiste und hatte wirklich Angst.

Es gab da nach wie vor einige Unvernünftige, die trotzdem den "Endsieg" noch herbeisehnten und noch ... hin und wieder mal so einen Schuß losließen, worauf die Amerikaner das Feuer dann mit überdimensionaler Kraft erwiderten. Panzer kamen herübergerollt und nahmen Stellung auch da, wo jetzt das Wohnhaus Mund steht (Ecke Stephanusweg/Niedereimerstr.), und schossen von dort aus rüber nach Arnsberg, Schreppenberg und noch weiter, sie wollten Arnsberg einnehmen.

Flugzeug abgestürzt (22.04.1944) ... Es mußten natürlich damals sogenannte Panzersperren gebaut werden, d.h. man fällte Bäume, legte sie quer über die Straße, da sollte halt eben ein Panzer nicht mehr durchkommen. Aber man hatte nicht daran gedacht, daß diese amerikanischen Einheiten gewaltiges Material zur Verfügung hatten, sog. Räumpanzer, die so ein Räumschild vor sich herfuhren, so daß solch eine Panzersperre für die nur ein Lächeln kostete. Die machten sich erst gar nicht die Mühe, das wegzuräumen, sondern fuhren nebenan durch den Wald. Da ging das noch viel leichter. Die knickten einfach die Bäume um, und die Panzer und Fahrzeuge konnten nachher auch da durchfahren.

Aber die Amerikaner kamen einfach lautlos auf ihren weichen Gummisohlen. Ich befand mich draußen mit meinem Vater und beobachtete, daß plötzlich solche khakifarbenen Menschen darumturnten. So eigenartige Helme hatten sie auf, Stahlhelme, die wir gar nicht so kannten. Und diese kamen dann mit schweren MP's (Maschinenpistolen) unter dem Arm und, immer Kaugummi kauend, fragten nach "german soldat?". Sie stöberten dann natürlich auch durch die Häuser, waren aber relativ human. Man sah ihnen an, daß zweifellos schon so ein bißchen Sorge da war, aber ansonsten nahmen sie das alles, wir würden heute sagen, sehr "cool". Wenn dann jemand seitens der deutschen Soldaten irgendwie einen Schuß losließ, dann waren sie bestimmt auch von äußerster Achtung und nahmen das auch schon verdammt sehr ernst, übertrieben es dann und hauten dann einige Salven von ihren Feldhaubitzen darüber, so daß die Sache dann schon wieder geklärt wurde.

Diese amerikanischen Soldaten, man hörte sie gar nicht groß, man hörte dann nur dies Sprechen hin und her und, wie gesagt, sie ließen sich dann die Häuser zeigen. Der Hausherr mußte vorhergehen und die Zimmertüren öffnen, dann hatte sich alles relativ schnell ergeben. Das war für unsere Verhältnisse kein Krieg. Wir hatten etwas anderes gehört und gesehen, was Krieg war, aber so eine lautlose Übergabe, da hatten wir nicht mit gerechnet. Vorher war man natürlich schon irgendwie hellhörig geworden. Es gab ja immer so ein Gemunkel, aber woher das nun kam, daß fanden wir "Jäuste" auch nicht so richtig raus, Da hörte man dann, daß man sich schon mal weiße Fahnen machte sollte und vor allem die Hitlerfahnen verbrennen sollte, die man noch hatte. Und so war dann auch die Bettwäsche ziemlich angenommen, sei es Kopfkissen oder Bettlaken, da wurden weiße Fahnen gemacht, kamen an einen Stock und dann aus dem Fenster heraus zum Zeichen der Übergabe. Das half zweifellos auch, das muß man schon sagen.

Vielleicht sollte ich noch eine Begebenheit erzählen, die sich unten auf der Wannestraße, beim "Großen", bei Bienstein, meinem Onkel abgespielt hat. Der hatte natürlich in seiner Kneipe verschiedene Vereine untergebracht, Gesangverein, Turnverein usw.. Diese Vereine hatten selbstverständlich auch ihre Vereinsfahnen, und da prangte freilich oben auf dem Fahnenstock eben eine Spitze, und die war zum Teil auch mit Hakenkreuzen versehen. Aber die Fahnen lagen in einer Kiste oben auf dem Dachboden. Als nun die Amerikaner mal näher nachschauten und auch diese Kisten öffneten, fiel ihnen das auf. Mein Onkel, also der Vater von dem jetzigen Friedrich Bienstein, der sollte dann vor die Wand gestellt und erschossen werden. Da war natürlich Holland in Not.

Zwei Häuser vorher wohnte die Familie Grotthof, die die Fabrik Grotthof & Schulte hatte, die jetzige Pottloch. Die älteste Tochter, Marietheres, hatte das Lyzeum bei den Schwestern besucht und Fremdsprachen gelernt, auch Englisch. Und so war sie fast die einzige, die sich wirklich englisch mit den Amerikanern unterhalten konnte. Und das war sicherlich ein Glück, ein Segen, nicht nur für den Onkel Friedel und die ganze Familie, sondern für das ganze Dorf Niedereimer. Sie verstand es auf ihre Art und Weise, eine offene lockere Art, Zutrauen zu finden und den Amis klarzumachen, worum es hier eigentlich ging.

In den nächsten Tagen wurde für Niedereimer so eine Art Ortskommandant ernannt, der residierte dann unten am Bahnhof in Schulten Wirtschaft (Kneipe: "Zur dicken Eiche"). Grotthof's Marietheres durfte und mußte da auch als Dolmetscherin fungieren. Sämtliche Anträge, alles was so kam, alle Angelegenheiten mußten geregelt werden, das wurde dann schließlich da abgewickelt. Und diese Marietheres Grotthof hat da unwahrscheinlich viel dem einzelnen Menschen geholfen und somit natürlich auch der ganzen Gemeinde Niedereimer, weil sie als Niedereimerkind sich da bestens auskannte. So war es natürlich eine gute Gelegenheit, ihre Kenntnisse zur Verfügung stellen und damit sehr sehr viel helfen zu können.


Es folgt - soweit uns vorliegend - eine kurze Legende zu den auf dieser Seite publizierten Fotos in der Reihenfolge ihres Auftretens von oben nach unten.

  1. Beerdigung mit militärischen Ehren J. Wommelsdorf (07.04.1940)
  2. Beerdigung mit militärischen Ehren J. Wommelsdorf (07.04.1940)
  3. Flugzeugabsturz (22.04.1944)
  4. unbekannt, evtl. gleiches Ereignis wie oben
  5. unbekannt, evtl. gleiches Ereignis wie oben



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