II. Weltkrieg in Niedereimer



Zum Abschluß noch drei weitere bewegende Berichte zu den erschütternden Geschehnissen der letzten Kriegsmonate. Eine kurze Legende zu den Fotos finden Sie wie bereits auf den vorherigen Seiten am Ende dieser Seite.


Evakuiert aus Köln ...
Heinz-Peter Wolber erinnert sich an den 09.03.1945

Nachdem das Leben in Köln zu gefährlich geworden war, mußten wir auf Anordnung die Stadt verlassen und hatten die Möglichkeit, in Arnsberg/Neheim-Hüsten, bei der Verwandtschaft unserer 2. Mutter unterzukommen. Dies war Frau Berta Winkelmann. Von den 7 Geschwistern waren anwesend meine Schwester Gertrud, mein Bruder Adolf und natürlich meine Mutter. Mein Vater war einen Tag vorher, er mußte Köln verlassen, angekommen und wollte am besagten Abend noch in die Kirche. Er war gerade dabei, seine Stiefel zu putzen. Während des Fliegeralarms stürmten die Hausbewohner in den Keller. Wir hatten die Kellertür noch nicht ganz geschlossen, da gab es einen dumpfen Knall, das Licht erlosch und wir saßen im Dunkeln. Kriegsanfang - im Gasthof Schulte einquartierte Offiziere Durch ein Loch in der Kelleraußenwand konnten wir dann den Keller verlassen. Mein Vater hat es nicht mehr geschafft, den Keller zu erreichen und wurde aus den Trümmern geborgen und ins Krankenhaus eingeliefert.

Leider hat er die Nacht nicht überlebt und verstarb, wie aus der Urkunde ersichtlich, am 10. März 1945.

In dieser Nacht wurden wir in dem in unmittelbarer Nähe gelegenen, m.W. notdürftig eingerichteten Lazarett aufgenommen. Am nächsten Tag versuchte dann unsere Mutter, uns bei der "Am Schreppenberg" wohnenden Schwester unterzubringen. Frau Jetta Schlösser nahm uns auf, obwohl es für die Familie sehr schwer war, noch mehr Menschen aufzunehmen, wo wir bis Ende des Krieges dann bleiben durften.

Nachdem sich die Lage in den Besatzungszonen normalisiert hatte und wir ausreisen durften, machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Köln. Dort, und das ist etwas erfreuliches, fanden sich nach und nach alle Geschwister wieder ein, leider ohne unseren Vater, den wir alle wegen seiner Gütigkeit in unser Herz geschlossen hatten. Zum Alter der Geschwister: Meine älteste Schwester ist vor einigen Tagen 71 Jahre alt geworden und der Jüngste, das bin ich, ist jetzt 58 Jahre.

Das Grab meines Vaters besuchen wir jedes Jahr und wir freuen uns, daß die Gräber nach so langer Zeit immer noch gepflegt werden.








Erinnerungen
frei erzählt nach Berichten von H. Glaremin und A. Happel

Bereits im Herbst 1944 hatte Anton Kaiser, gen. "Tönne" sein Haus behelfsmäßig gesichert. Er hatte sich von meinem Vater starke Bohlen besorgt, die eigentlich für unseren Schüttwagen gedacht waren, und armdicke Tannen- und Eichenzaunpfähle besorgt. Hiermit sicherte er seinen Keller zusätzlich ab und hatte somit einen eigenen Luftschutzkeller. Franz Schulte als Kradmelder in Polen 1941 Die Nachbarn sowie Soldaten und Personal des Kraftfahrparks wußten um diese zusätzliche Kellersicherung und suchten bei Fliegerangriffen dort gerne Schutz und Sicherheit.

Als am Nachmittag des 09.03.45 wieder Fliegeralarm gegeben wurde, suchten mein Vater und ich, obwohl alle anderen Familienmitglieder im Keller unseres Nachbarn waren, unter der dicken Eiche oberhalb der Kirche Schutz und Deckung. In den Keller gingen wir bei Alarm nie. Wir sahen, wie die ersten Bomben auf der Hude einschlugen und Tannenspitzen in der Berbke umherflogen. Nachdem die Flieger weg waren und es vorerst wieder still geworden war, gingen wir wieder nach Hause zurück.

Auf dem Rückweg rief uns Gertrud König, Schwester von Anton Kaiser, zu: "Das Haus von unserm 'Tönne' (Anton Kaiser) ist getroffen worden!" Mein Vater lief mit seinen Geschwistern so schnell sie konnten zur Oberstraße (heute: Niedereimerstr.) hinauf, um zu sehen, was passiert war, in der Hoffnung, daß ihre Schwester Helene mit ihren Kindern noch leben würde. Es bot sich ihnen ein Bild des Grauens und der totalen Zerstörung, denn das Haus hatte einen Volltreffer erhalten. Ich selbst durfte zu diesem Zeitpunkt, da ich erst 15 Jahre alt war, nicht mit und mußte zu Hause bleiben.

Nach und nach wurden die vielen Opfer aus den Trümmern geborgen. Gertrud Körner wie durch ein Wunder hatte schwer verletzt überlebt. - Wie Frau A. Happel erzählte, wurde ein zufällig vorbeifahrendes Fahrzeug angehalten. Sie selbst brachte die schwerverletzte Frau nach Arnsberg ins Krankenhaus, wo sie in den Kriegsjahren als Rote-Kreuz-Schwester gearbeitet hat. - Sofort nach der Bergung wurden die Toten zur Aufbahrung in die Schule (heute: Küchentenne Sindern) gebracht. Ein anderer Raum stand damals für die vielen Toten nicht zur Verfügung, und Schulunterricht wurde zu dieser Zeit nicht mehr gehalten.

In der Dunkelheit schlich ich aus dem Haus, um mit ein paar anderen Jungen die Trümmer auch mal anzusehen. Dafür wurde ich später von meinem Vater heftig ausgeschimpft. Schnell mußten Särge für die Toten angefertigt werden. Deshalb beschlagnahmte die Partei und die Gemeindevertretung das Holz der Firma Höttke & Hölscher, welches zum Schutz vor Bomben bei uns eingelagert war. Die Särge wurden dann von der Schreinerei Hillebrand aus Bruchhausen erstellt. Einquartierung Sommer 1940 Zur Beerdigung wurden die Särge mit den Toten von der Schule zum Friedhof mit Pferdewagen und einem Lkw gebracht. Wir hatten unseren Langholzwagen entsprechend vorbereitet, so daß vier Särge darauf Platz hatten. Die ganze Gemeinde nahm an der Beerdigung teil.

Wir waren gerade auf dem Friedhof, da gab es schon wieder Fliegeralarm. Alle liefen so schnell sie konnten in den nahen Wald oder nach Hause, ich mußte bei dem Pferdegespann bleiben und die Pferde beruhigen, die durch den Flugzeuglärm unruhig geworden waren. Nachdem die Flugzeuge schließlich verschwunden waren, kehrten auch wir mit den Pferden wohlbehalten, jedoch zutiefst betroffen nach Hause zurück. In den vergangenen Jahrzehnten ist dann über dieses Ereignis nur selten gesprochen worden, vergessen aber hat es wohl niemand, der es miterlebt hat.








Aus der Schulchronik ...

"... Am 12. September 1944 brannte die Scheune des Bauer Mette mit der gesamten Ernte ab. Durch die Wehrmacht wurden Anfang Oktober die Schulräume beschlagnahmt. Der Unterricht wurde behelfsmäßig weitergeführt.

Seit Anfang Juli war die Schülerschaft noch erheblich gestiegen, und zwar besonders durch Evakuierte (115). Bei 2 Lehrkräften mußten 2 Klassen eingerichtet werden. Durch Verfügung vom 9.12.44 hat Herr Regierungspräsident den Lehrer Peters, wohnhaft in Arnsberg, der Volksschule hierselbst vertretungsweise zur Dienstleistung überwiesen. Herr Peters kommt aus Moschenich, Kreis Düren, geb. 25.3.88.

Feldküche im Hof Schulte Nach dem Zusammenbruch April 1945 kehrte Peters nach Morsenich zurück. Der Schulbetrieb konnte noch nicht wieder aufgenommen werden. Die Schulräume waren verdreckt und versaut, besonders durch die Ostern dort untergebrachten deutschen Soldaten, die wahren Söhne des großen Verbrechers, dessen Namen zu schreiben ich mich schäme. Es ist eine Schmach, daß man ein Deutscher ist. Die Bänke waren ruiniert, die Schränke erbrochen, wertvolle Lehr- und Anschauungsmittel gestohlen oder zerschlagen, die Bücher und Akten umhergestreut und ebenfalls versaut.

Eine ausführlich von mir geführte Chronik verschwand."

(Anmerkung: Die eigentliche Schulchronik ist insgesamt erhalten, es sind keine Seiten herausgeschnitten oder -gerissen, es fehlen keine Blätter! Daraus kann man folgern, daß Herr Jürgens vermutlich eine gesonderte Chronik über die NS-Zeit und/oder den 2. Weltkrieg geführt haben muß, die dann gegen Ende des Krieges auf geheimnisvolle Weise "verschwunden" ist, als die deutschen Soldaten die Schulräume beschlagnahmt hatten und "verdreckt und versaut" hinterlassen haben. Es ist anzunehmen, daß diese von Lehrer Jürgens geführte Chronik wegen ihres vermutlich brisanten Inhalts vernichtet worden ist. Wir haben diesbezüglich bei der Tochter von Lehrer Jürgens, Frau Josefa Jürgens, wohnhaft in Arnsberg, nachgefragt. Frau Jürgens, die sich an die damaligen Aktivitäten ihres Vaters noch sehr gut erinnern kann, versicherte uns, von der Existenz einer solchen besonderen NS- oder Kriegschronik nichts zu wissen. Möglicherweise habe ihr Vater eine solche Chronik heimlich geführt, um sie zu schützen.; d. Verf.)

"Durch Luftangriffe wurden im Dorfe 2 Häuser vollständig zerstört. Da auf dem Ziegeleigelände Baracken und ein Kraftfahrpark errichtet worden waren, war es für die nähere Umgebung und die Schule besonders gefährlich, so daß wir zunächst bei Alarm Schutz im Schloßbergtunnel suchten. Dort erlebte ich mit meiner Tochter am 4.3.45 den schwersten Angriff, der allein 24 Soldaten am Eingang des Tunnels das Leben kostete. Am folgenden Tag war das Seelenamt für meinen braven und einzigen Sohn, der, nachdem er 2 Jahre in Rußland heldenhaft gekämpft hatte, bei Deutsch-Krone in Pommern für die Kriegsverbrecher fiel.

Dann flüchteten wir jeden Morgen in die Wälder, bis dann endlich die Amerikaner, von der Möhne kommend, das Dorf besetzten. Alle Personen mußten das Schulhaus verlassen, um 35 Amerikanern Platz zu machen. 4 volle Tage blieben dieselben, weil sich die Stadt Arnsberg unter Führung eines 27jährigen SS-Lümmels nicht ergeben wollte. Unser sehr geschätzter Seelsorger, der Pater Linus Kötter, wurde als Parlamentär von hier aus in die Stadt geschickt. Beinahe hätte ihn dieser Auftrag das Leben gekostet.

Die oben erwähnten 2 zerstörten H„user standen in der Nähe der Ziegelei: an der Oberstraße das Haus des Anton Kaiser, welches 16 Tote allein hatte, und das Haus an der Arnsberger Landstraße, einem Buchhändler Visarius gehörig, mit 2 Toten. Die Leichen wurden in der Schule aufgebahrt und von da aus beerdigt.

Treffen der Sudetendeutschen im Saal Schulte 1938 Bei dieser Beerdigung sahen wir die Parteigrößen zum letztenmal. Nur einer trug von ihnen noch die Verbrecheruniform, den anderen war's schon unheimlich. So ging das viel gepriesene ewige Reich seinem Untergang entgegen, weil es auf Ungerechtigkeit gegründet und ohne den Herrgott gebaut war.

Ich erlaube mir hier mit aller Deutlichkeit nur noch eines hinzuzufügen: Der größte Verbrecher aller Zeiten und Zonen - hätte es nie so weit bringen können, wenn er nicht das Kapital und - die charakterlose Lehrerschaft hinter sich gehabt hätte. Letztere hat zum großen Teil die Partei geführt, um Titel und Mittel zu bekommen. Die Arnsberger Regierung saß voll von diesen Geistern: Schulräte, Oberreg.-Räte, Regierungsdirektoren, alle ehemals Volksschullehrer. Wer trug die Partei? Wer hielt die Versammlungen? Mit 90% die Lehrerschaft.

Gott Dank, mir genügte das eine Kreuz. Wir brauchten keine mit Haken. Für gewöhnlich hat jede Sache schon einen Haken, dies Ding hatte 4 Haken, ja wir können sagen, unendlich viel Haken, und an dem größten dieser Haken hängt jetzt das deutsche Volk!

Anfang Oktober 1945 konnte die Grundschule wieder eingerichtet werden. Es fehlen Schulbänke und 41 qm Glas. Die oberen Jahrgänge werden behelfsmäßig unterrichtet. ... "








Es folgt - soweit uns vorliegend - eine kurze Legende zu den auf dieser Seite publizierten Fotos in der Reihenfolge ihres Auftretens von oben nach unten.

  1. Erste Einquartierung zu Kriegsanfang im Gasthof Schulte - Untergebrachte Offiziere vor dem Haus
  2. Franz Schulte als Kradmelder beim Rußlandfeldzug in Polen 1941
  3. Einquartierung im Sommer 1940 - Teil einer Pioniereinheit vermutlich auf dem Verladebahnhof in Niedereimer
  4. Einquartierung im Herbst 1940 - Feldküche im Hof Schulte
  5. Treffen der Sudetendeutschen im Saal Schulte 1938



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